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Jubiläum

25 Jahre Rettungszentrum Hamburg

Das Ende einer Ära?

In der Luftwaffe gibt es zwei Hubschrauberstaffeln, die sich wegen ihrer taktischen Aufgaben von den anderen unterscheiden: Die einen sind die Gebirgsflieger in Penzing, die anderen die Seeflieger in Hohn. Beiden ist ein gewisser "Touch" von Exklusivität zu eigen – und darauf ist man auch stolz! Nicht jeder darf im Gebirge oder über See fliegen, dazu gehört schon eine besondere Befähigung – im Sinne des Wortes.

Neben Gebirgs- und Seeflug hatte jede Staffel auch SAR-Kommandos und Rettungszentren zu bestücken. Im folgenden sollen die "Nordlichter" anläßlich des 25jährigen Jubiläums eines ihrer RZ-Kommandos zu Wort kommen – was sage ich eines – des Kommandos überhaupt: Hamburg. Der Leser wird unschwer feststellen, daß der Verfasser des Berichtes Angehöriger dieser Staffel war und mit einer besonderen Zuneigung zum Rettungszentrum Hamburg ausgestattet war und noch ist. Hier sein Rückblick:

Ein zu kleiner Hubschrauber?

Die vorbildlich geführte Staffelchronik zeigt im Tagebuch unter dem Datum 16.07.1973 folgenden Eintrag:

"Heute ist die offizielle Übergabe des Rettungshubschraubers HH-Wandsbek. Es fand eine Pressekonferenz statt. Eingeladen waren dazu Vertreter des Bw-Krankenhauses, der Presseoffizier des Standortes Hamburg, der Branddirektor der Feuerwehr und von der Presse Vertreter des Hamburger Abendblattes, der Bild-Zeitung, der Welt, der dpa u.a. ..."

Dem vorausgegangen waren Kompetenzschwierigkeiten und krasse Fehleinschätzungen. Man sprach von einem "leichten, engen, kleinen Transporthubschrauber" und den geringen Möglichkeiten, innerhalb einer Großstadt an Unfallstellen zu landen". Die vergangenen 25 Jahre haben das Gegenteil bewiesen.

Dabei hatte gerade Hamburg schon 1962 während der Flutkatastrophe ausgezeichnete Erfahrungen mit Hubschraubern gemacht. Der Innensenator der Freien und Hansestadt Hamburg von 1962, Helmut Schmidt, genehmigte 1973 als Verteidigungsminister den Einsatz des Rettungshubschraubers in Wandsbek. Neben den Forderungen des Sanitätswesens der Bundeswehr (Ausbildung von Notärzten im Verteidigungsfall) waren die beeindruckend vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Hubschrauber ausschlaggebend.

In der Staffel wurden zunächst nur "erfahrene Besatzungen" zum Dienst am Rettungszentrum Hamburg eingeteilt, die "neuen" mußten einige Tage zur Einweisung anrücken. Der "kleine, enge... Transporthubschrauber" bot genügend Platz, um diese Einweisungen zu ermöglichen. Diese Gelegenheit nahmen übrigens auch Ärzte, Rettungssanitäter und Feuerwehr wahr.

Einen kleinen Seitenhieb auf die zwar leisen, innovativen, "modernen Dinger" kann ich mir nicht verkneifen: Die gute, alte Huey hat die idealen Maße für einen Rettungshubschrauber, nicht größer, aber auch nicht kleiner sollte er sein

Fruchtbare Zusammenarbeit

Die ersten Bereitschaften, für die man voll verantwortlich eingesetzt worden war, begannen (zu der Zeit noch von Montag bis Montag) mit Spannung und hoher Erwartung. In Hamburg zu fliegen, bedeutete nicht nur äußerste Konzentration und höchste Anforderungen an das Können der Besatzungen, wir hatten damit ein gewisses "Adelsprädikat" erworben und die Staffelführung achtete darauf, daß der bis zum Ende des ersten Jahres erworbene gute Ruf durch professionelle Arbeit erhalten blieb.

Waren es bis Ende 1973 erst 137 Einsätze, so stieg die Anzahl bis 1978 auf über 1.000 (auf 1.001 genau gesagt). Wenig später stand das Rettungszentrum Hamburg mit der Anzahl seiner Einsätze Jahr für Jahr an der Spitze der Statistik aller RZ der Bundesrepublik.

Mehrere Faktoren gaben den Ausschlag für diese herausragenden Ergebnisse:

Ohne Zweifel begünstigte die für koordinierte Einsätze relativ kleine Fläche des Stadtstaates und eine gemeinsame Einsatzführung den anhaltenden Erfolg. Alle Hilfsorganisationen unterstanden "Florian Hamburg", der Berufsfeuerwehr der Hansestadt.

Der Stadtstaat Hamburg stand hinter "seinem" Rettungszentrum. Probleme, wie Überflugverbote über Santa Fu, Tierpark Hagenbeck, oder während der Tennistage am Rothenbaum wurden unbürokratisch und partnerschaftlich gelöst.Beispielhaft für viele Bundesländer (und zahlreiche Verantwortliche aus der ganzen Welt) ist die Einsatzleitzentrale mit einem modernen Datenübertragungssystem für die Rettungsmittel: Alarmierung über Datenmeldeempfänger, gleichzeitig über einen Drucker wichtige Angaben über Notfallort, -art und zusätzlich alarmierte Hilfskräfte. Das zeitweilige Mitfliegen der "Löschrohre" (Angehörige der Feuerwehr) trug wesentlich zum gegenseitigen Verständnis bei.Die gute Zusammenarbeit mit der Hamburger Polizei! Sie sperrte Unfallorte, Landeplätze für den Verkehr und sorgte für erforderliche Sicherheit. Wenn nötig, brachten sie Notarzt und Sanitäter zum Notfallort, wenn in der Nähe keine Landung möglich war. Zu Zeiten von Bader/Meinhoff und RAF durften wir nirgendwo landen, wenn nicht die mit Panzerwesten und Schnellfeuerwaffen ausgerüsteten Polizisten vor Ort waren. Sie "liebten" diese Einsätze, denn sie mußten bis zum Abflug ausharren, bei Regen, Schnee, Eis, Hitze und "Katastrophentouristen" Danke! Und Humor bewiesen sie auch: Am 22.06.1983 fand eine Besatzung nach der Rückkehr von einem Einsatz einen Strafzettel hinter dem Wischerblatt. Da hieß es "Verbotenes Parken mit Hubschrauber auf Hinterhof". Es blieb ohne Folgen.

Flexible, kooperative, freundschaftliche und kompetente Flugsicherung! Da ein großer Teil des Einsatzgebietes in der Kontrollzone um den Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel liegt, sind die Strecken, Flughöhen und -richtungen von der Luftverkehrslage abhängig. In all den Jahren haben die Fluglotsen mit viel Fingerspitzengefühl und Weitsicht den RTH um die Dickschiffe" und die anderen Flieger herumgeführt. Drüber, drunter, knapp dahinter – natürlich alles den Vorschriften entsprechend – so daß kaum Verzögerungen bei den Rettungseinsätzen entstanden sind. Dafür haben sie Dank und Hochachtung verdient.Die Hamburger Bevölkerung hat einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen und zur zunehmenden Akzeptanz dieses Rettungsmittels beigetragen! Natürlich gab und gibt es die ewig Unzufriedenen, denen es zu laut ist, denen beim Überflug angeblich die Tapeten von den Wänden fallen, deren Goldfische sich in psychologische Behandlung begeben müssen – um das mal überspitzt zu formulieren. Wahlspruch: Meine Ruhe ist die erste Bürgerpflicht! Doch das ist nur ein verschwindend geringer Teil der Hamburger. Die anderen wissen, daß sich da keine Rowdies über der Stadt herumtreiben, sie wissen, daß der "Teppichklopfer" mal wieder unterwegs ist, um Leben zu retten. Für sie ist SAR 71 einfach ein Teil von Hamburg.Last but not least: die Besatzungen! Natürlich gab es sogenannte "Feingewindeflieger", die sich in schwindelnde Höhen begaben, um sich dann an der Unfallstelle mit bis zu zwölf Spiralen wieder dem Boden zu nähern (Ärzte und Sanis hatten sich bis dahin sämtliche Haare ausgerauft). Im Gegensatz dazu die ganz forschen, die meinten, gleich zu Beginn alles im Griff zu haben, bis sie von den Älteren angepaßt wurden an die fliegerisch anspruchsvollen Verhältnisse in der Hansestadt. Die Besatzungen der ehemaligen 2. Staffel des HTG 64, der jetzigen 2. Staffel des LTG 63 und die Notärzte und Rettungssanitäter des Bundeswehrkrankenhauses in Wandsbek waren und sind Profis im guten Sinne des Wortes. Den Jubilaren auch weiterhin: Many happy landings!

35.000 Einsätze

Viele wollten dem erlauchten Kreis der Hamburg-Flieger angehören – einige haben schon nach der ersten Bereitschaft die Segel gestrichen. Nicht nur die anspruchsvolle Fliegerei, sondern auch das Verarbeiten der zum Teil schrecklichen Erlebnisse an den Notfallorten ist nicht von jedem zu meistern. Was wird nicht alles von der physischen und psychischen Belastung der Jet- und Transporterpiloten während anstrengender Einsätze gesprochen ? im Vergleich zu vielen Einsätzen im Rettungsdienst ist das kalter Kaffee na gut, lauwarmer. Ein wenig Provokation sei erlaubt.

Kein Staffelkapitän hatte in den bisherigen 25 Jahren Mühe, die Bereitschaftswochen personell zu besetzen, die Jungs gingen alle hoch motiviert an ihre Aufgabe: Helfen! Aber nicht nur das begründet den ausgezeichneten Ruf. Trotz aller kritischer Stimmen hat sich die UH-1D mit nur einem, aber äußerst zuverlässigen Triebwerk als ausgesprochen sicheres Luftfahrtgerät erwiesen. Ein Flugunfall (im Juli 1974, Berührung Peitschenlampe, kein Personenschaden) und einige Zwischenfälle sind nachweislich dem "Faktor Mensch" zuzuordnen.

Zumindest ärgerlich sind solche Vorkommnisse und manchmal entsteht leider hoher Sachschaden. Nur einige Beispiele: Durch den Rotorabwind des landenden Hubschraubers kracht das Tor einer Waschanlage auf die Kühlerhaube eines brandneuen Luxuswagens; Peitschenlampen sind mehrfach den Rotorblättern im Weg (!); mit Flugsand "bestreute" Pizza kann nicht mehr verkauft werden Die Schäden werden im Regelfall von der zuständigen Wehrbereichsverwaltung ersetzt. Ärgerlich ja, aber garantiert nicht absichtlich oder fahrlässig verursacht. In 25 Jahren kam noch keine Person durch unseren Flugsaurier zu Schaden, aber sehr viele wurden aus akuter Lebensgefahr gerettet!

Bisher noch nicht erwähnt, doch zum Rettungszentrum Hamburg gehört außer dem RTH auch der Notarztwagen "Berta", der seit dem 11. Februar 1974 als zweites Rettungsmittel des Bundeswehrkrankenhauses per Vertrag an der zivilen Rettung beteiligt ist – mit so viel Erfolg, daß nach zehn Jahren, 1984, der NAW bereits 22.200 Einsätze gefahren hat! Der RTH hatte zu dem Zeitpunkt 9.700 Einsätze im Buch stehen.

Man war sich darüber im klaren, daß der Hubschrauber in Hamburg aufgrund der recht ausgedehnten Wasserflächen (Elbe und Hafengebiet) und der Verkehrssituation in einer Großstadt einen großen Zeitvorteil gegenüber den bodengebundenen Rettungsmitteln besitzt. So wurde er häufig als "Joker" eingesetzt, wenn die anderen nicht schnell genug an den Notfallort gelangen konnten. Zeit ist ohnehin eines der Hauptargumente für den angeblich teuren Einsatz eines Hubschraubers.

Fakten und Zahlen

23.12.1974 wurde der 2.000ste Einsatz des RTH in der Presse (nur positiv) erwähnt; am 23. Mai 1979 meldet das RZ Hamburg (RTH und NAW) den 10.000sten Einsatz und am 19. Februar 1986 den 100.000sten! Als weiteres denkwürdiges Datum gilt der 16. Juli 1990. Da landete SAR 71 zum ersten Mal auf dem Staatsgebiet der DDR (auf der A 24 bei einem Auffahrunfall mit Schwerverletzten)! Vorher mußten noch die Allierten gefragt werden und der Besatzung wurde eine Funkfrequenz zugewiesen – die man zwar gehört, aber nicht verstanden hat! Wer konnte schon Russisch???

Im Zuge der Auflösung des HTG 64 wurde das Hamburger Kommando am 10. Mai 1993 dem LTG 63 in Hohn bei Rendsburg unterstellt, die Besatzungen blieben im Grunde dieselben.

Was gibt es sonst zu erwähnen? 1997 standen die Hamburger mit 1960 Einsätzen wieder mal an der Spitze aller 50 Rettungsstationen. Seit 1997 ist Hamburgs SAR 71 Hauptdarsteller der Fernsehserie "Die Rettungsflieger". Es gäbe noch viel zu erzählen, wie z.B über: Brötchen holen nebenan aus der Bäckerei beim Überlebenskünstler Rüdiger Nehberg; schillernde Figuren bei Landungen im Rotlichtviertel; dem Umgang der Hafenarbeiter mit Schaulustigen und penetranten Pressevertretern, die bei unserer Hilfeleistung für einen ihrer Kameraden im Wege standen; dem Notarzt, der mit einem Marschbauern erst einen Korn trinken mußte, bevor er dessen von einem Pferdetritt zerschmettertes Brustbein versorgen konnte; über die Versorgung mit Kaffee und Plätzchen am ehemaligen Landeplatz der Uniklinik Eppendorf und, und und ...

Fazit

25 Jahre lang erfolgreiche Luftrettung mit den höchsten Einsatzzahlen in Deutschland, hervorragendes Zusammenwirken aller beteiligten Kräfte, hohe Motivation der Hubschrauber-Besatzungen und große Akzeptanz in der Hamburger Bevölkerung bestimmen die Bilanz von "SAR Hamburg 71".

Der Rückzug der Luftwaffe aus der zivilen Luftrettung zeichnet sich ab. Nach dem Grundsatz "never change a winning team" sollten der Stadt-Staat wie auch die Luftwaffenführung rechtzeitig Lösungen finden, um den gemeinsam aufgebauten Standard, das "Know How" einer Notfallrettung unter schwierigen Bedingungen und die anerkannte Reputation der Hamburger Luftrettung auch in Zukunft zu erhalten. Natürlich können auch zivile Hubschrauber-Unternehmer die bewährte Tradition fortsetzen, aber mit dem Abzug der guten, alten "Huey" wird eine sehr erfolgreiche und prägende Ära in der Hamburger Luftrettungsgeschichte enden.

Peter Sturz

 

25 Jahre konnte die Bundeswehr, die Hubschrauberbesatzungen der Luftwaffe und die medizinschen Notfallcrews des Bundeswehrkrankenhauses, in idealtypischer Weise die Zusammenarbeit ihrer unterschiedlichen Komponeten zum Wohle der Kranken und Verletzten qualifiziert proben, konnten ihre Ausbildung perfektionieren und schließlich die Steuerzahler der Bundesländer entscheidend entlasten. Dies verdient aus meiner Sicht eine Würdigung der Länder- bzw. des Bundesrechnungshofes. Im Interesse aller verunfalllter und erkrankter Mitbürger wünsche ich dem Team von SAR Hamburg 71 allzeit Hals-und Beinbruch!
Oberst i.G. Ochs