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Die Fähigkeit des Hubschraubers, unabhängig von Flugplätzen
quasi überall zu landen, ist auch gleichzeitig eine seiner größten
Einschränkungen. Wenn das Wetter einen kontrollierten Sichtflug nicht
mehr zuläßt, ist diese Fähigkeit dahin. Für den IFR-Flug
(Flug nach Instrumentenregeln unter Kontrolle der Flugsicherung) haben
entsprechend ausgerüstete Hubschrauber dann nur noch die Möglichkeit
- wie ein Flächenflugzeug - Flugplätze mit Instrumenten-Landesystemen
anzusteuern.
Der Cloud-Break, die Möglichkeit, aus dem Instrumentenanflug in den
Sichtflug überzugehen, ist gerade im Ambulanz-Flug eine oft genutzte
Möglichkeit, die aber erstens nicht immer funktioniert und zweitens
beim Weiterflug nach VFR (Sichtflug), die bekannten Probleme mit sich
bringt. Durch Restlicht-Verstärkerbrillen (BIF) versuchen Militär
und Polizeiflugdienst (ROTORBLATT
4/95) den Nacht(tief)flug sicherer und effektiver zu machen. Eine Schlechtwetterhilfe
sind diese Brillen aber nicht.
Wollte man also die Fähigkeiten des Hubschraubers bei Nacht und bei
schlechtem Wetter voll ausnutzen, so hätte es schon der Fähigkeiten
eines "Superman" bedurft, der Nebel, Wolken und Niederschläge
mit seinen Röntgenblick durchdringen kann. Träumereien aus einem
Sciencefiction-Film, bar jeglicher Realität?
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Gegen alle Widerstände
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Am 8. Dezember 1995 wurde Dr. Ing. Helmut Klausing in der Münchner
Residenz vom Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, Forschung
und Technologie, Dr. Jürgen Rüttgers, der Karl Heinz Beckurts-Preis
1995 verliehen. Der Preis wird für herausragende wissenschaftlich-technische
Leistungen vergeben, von denen Impulse für industrielle Innovationen
ausgehen oder zu erwarten sind.
Dr. Klausing erhielt den Preis für seine wegweisenden Arbeiten bei
der Entwicklung eines hochauflösenden Radar-Systems für Hubschrauber.
Durch seine Forschungen, die er 1985 begann, wurde ein Lösungsweg
für den Allwetter-Einsatz von Hubschraubern aufgezeigt. Bis 1989
forschte der junge Wissenschaftler im Rahmen einer Industriepatenschaft
zwischen Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) und der Deutschen Forschungsanstalt
für Luft- und Raumfahrt (DLR) am Institut für Hochfrequenztechnik
in Ober-pfaffenhofen. Die Arbeit wurde im Frühjahr 1989 mit einer
Dissertation an der Universität Karlsruhe abgeschlossen und 1990
mit dem Wissenschaftspreis der Informationstechnischen Gesellschaft ausgezeichnet.
Wesentlich für die Preisverleihung im Jahr 1995 war, daß Klausing
die Entwicklung des neuen Radarverfahrens von 1989 bis 1991, gegen alle
Widerstände, aus der eigenen Tasche finanzierte. Für dieses
entschlossene und mutige Engagement wurde er schließlich mit diesem
hochangesehenen Preis belohnt.
Klausing über die schwierige Entwicklungszeit: "Meine Arbeit
wäre bereits in einer frühen Phase gescheitert, hätte ich
nicht von Beginn an Unterstützung durch den Leitenden Polizeidirektor
Praus vom Bundesgrenzschutz erhalten. Herr Praus hat durch seinen persönlichen
Einsatz wesentlich zum Erfolg meines Radarprojektes beigetragen."
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Industrie steigt ein
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1991 wurde die Erfindung von der Firma Eurocopter Deutschland aufgegriffen.
Unter dem Namen HeliRadar starteten Eurocopter Deutschland und die Daimler-Benz
Aerospace AG ein eigenfinanziertes Entwicklungsprogramm. Unter der Projektleitung
von Dr. Kreitmair-Steck wurde das Verfahren intensiv weiterentwickelt
und erstmals die Machbarkeit des Systems nachgewiesen.
Das heißt, der Hubschrauber kann nun mit einem wirksamen Sensor
ausgestattet werden, der Einsätze auch bei sehr schlechten Sichtbedingungen
möglich macht. "Die bisherigen Ergebnisse geben zu großen
Hoffnungen Anlaß. Bei aller gebotenen Zurückhaltung läßt
sich schon jetzt sagen, daß HeliRadar eine neue ?ra für den
Hubschrauber eröffnen kann", so Kreitmair-Steck, der zusammen
mit Klausing die Patentrechte an diesem Projekt besitzt.
Etwa jeder vierte Hubschraubereinsatz, so die Statistiker, fällt
heute wegen mangelnder Sichtbedingungen bei ungünstigen Wetterlagen
aus. Während diese Einschränkung bei einem kommerziellen Hubschrauberbetrieb
"nur" finanzielle Verluste nach sich zieht, nehmen sie besorgniserregende
Formen an, wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen. Massenunfälle
auf Autobahnen entstehen überwiegend bei Nebel. Der Rettungshubschrauber
mit heutiger Einrichtung hat keine Chance, an den Unfallort heranzukommen.
Ein einziger Nebelunfall auf der Autobahn Bordeaux-Paris forderte 17 Tote
und 49 Schwerverletzte. An diesem Tag mußten die Rettungshubschrauber
in ihren Stationen bleiben, weil die Sichtweiten unter den erlaubten Grenzwerten
lagen.
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Neue Dimension für den Einsatz
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Bei einer - heute noch nicht gegebenen - operationellen Einsatzfähigkeit
von Hubschraubern unter allen Wetterbedingungen bei Tag und Nacht würden
u.a. die folgenden Verbesserungen im Vergleich zu den heutigen Einsatzmöglichkeiten
erreicht:
- die Erhöhung der Flugsicherheit, insbesondere bei raschen lokalen
Wetteränderungen und/oder bei Dämmerung und bei Nacht;
- eine vollständige und lückenlose Wahrnehmung hoheitlicher
Aufgaben;
- die Durchführung taktischer und logistischer Aufgaben zum optimalen
Zeitpunkt;
- Rettungseinsätze zu allen Tageszeiten und bei allen Wetterbedingungen.
Darüber hinaus wäre eine Steigerung der wirtschaftlichen Effizienz
des Transportmittels Hubschrauber möglich, die jedoch beim Überwiegen
wirtschaftlicher Aspekte im Einzelfall den zusätzlichen Kosten für
die erforderliche Allwetter-Sensorik gegenübergestellt werden müßte.
Die dargestellten Vorteile bei der Wahrnehmung hoheitlicher, militärischer
und humanitärer Aufgaben sind jedoch bereits so gravierend, daß
die operationelle Einsatzfähigkeit unter allen Wetterbedingungen
bei Tag und bei Nacht als eine wichtige Eigenschaft des zukünftigen
wetterunabhängigen Hubschraubers gesehen werden muß.
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Funktionsprinzip
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Das Radar mit synthetischer Apertur - die Entwickler haben sich dafür
die Abkürzung "SAR" (Synthetic Aperture Radar) ausgedacht,
ein Begriff, der international im Rettungsdienst mit SEARCH AND RESCUE
in dieser Abkürzung schon verwandt wird - ist eine Technik aus den
Fünfziger Jahren, die seit etwa zwei Jahrzehnten in Aufklärungssatelliten
und Aufklärungsflugzeugen angewandt wird. "SAR" liefert
hochwertige Bodenbilder. Die sehr gute Auflösung wird auch durch
widrige Witterungsverhältnisse nicht beeinträchtigt.
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Schematische Darstellung des ROSAR
(Rotating Antennas Synthetic Aperture Radar) |
Das Funktionsprinzip dieses Radar unterscheidet sich grundlegend
von den Prinzipien anderer Radargeräte. Das System verfügt
über eine synthetische (Antennen)Apertur. Diese quasi-unendliche
Antennenlänge oder Antennenöffnung ergibt sich aus der
Bewegung und einer Vielzahl von "Momentaufnahmen" innerhalb
einer Zeiteinheit. Die Einschränkung: Informationen können
nur senkrecht zur Bewegungsrichtung der Antenne gewonnnen werden.
Das bedeuted, über das normale "SAR" können
nur Informationen in seitlicher Blickrichtung gewonnen werden, nicht
in Flugrichtung. Die Sicht in Flugrichtung ist aber für den
Flug entscheidend, egal, ob Fläche oder Hubschrauber.
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Die Lösung des Problems für den Hubschrauber war so einfach
wie genial: Ein simples "RO" vor dem "SAR" ergab das
System ROSAR (Rotating Antennas Synthetic Aperture Radar). Das Prinzip:
die ständige Bewegung des Hauptrotors ausnutzen. Die Antennen waren
demnach an den Rotorblattenden zu integrieren. Dieser grundsätzlich
richtige Ansatz von Dr. Klausing konnte sich aber in der Praxis nicht
durchsetzen, da die Vertikalbewegung der Rotorblätter nur sehr schwer
zu kompensieren war.
Bei Eurocopter löste man das Problem der Instabilität mit der
Positionierung der Antenne auf einem Drehkreuz oberhalb des Hauptrotors.
Das HeliRadar war geboren.
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Die von einem zentralen Hochfrequenzgenerator erzeugten Radarsignale
werden über Hohlleiter in die Antenne eingespeist. Die Empfangsmodule
sitzen unmittelbar hinter den Antennenelementen. Von hier aus werden die
modulierten Empfangssignale durch die Rotorwelle hindurch in den Hubschrauber
übertragen, wo ein Hochleistungsrechner die einlaufenden Signale
in ein Radarbild umsetzt, das in Echtzeit auf einem Display angezeigt
wird.
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"Super-Computer"
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Die anspruchsvolle Aufgabe läßt sich laut Dr. Wolfgang
Kreitmair Steck nur durch den Einsatz modernster Technologien -
Rechner mit 10-Milliarden Operationen pro Sekunde! - bewältigen.
"Diese Rechenleistung, für die man bis vor wenigen Jahren
noch Großrechner in klimatisierten Sälen vorhalten mußte,
läßt sich heute im Format eines Pilotenkoffers realisieren",
so Dr. Günter Braun von der DASA-Dornier Satelliten GmbH, die
in Zusammenarbeit mit der Firma PERIMOS aus Ulm für diese Systeme
verantwortlich zeichnet.
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Anbringung des HeliRadar-Drehkreuzes |
Vier Antennenarme, die wiederum mit je acht kleinen Antennen bestückt
sind, tasten gemäß dem ROSAR-Prinzip mit einem FM-CW-Radarsignal
die Umgebung ab. Der abgetastete Winkelbereich beträgt 40° in
Elevation und 70° in Azimuth. Die Sende-/ Empfangseinheit des Geräts
befindet sich im Mittelpunkt der Antennenarme direkt oberhalb des Rotorkopfs.
Von dort werden Zwischenfrequenzsignale durch die Rotorwelle in die Hubschrauberkabine
geleitet, dort in digitale Signale umgewandelt und vom HeliRadar-Computer
und dem nachgeschalteten Bildverarbeitungscomputer für die Darstellung
auf dem Breitformat-Bildschirm im Cockpit aufbereitet.
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Besser als das Auge?
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Das "Ei des Columbus"? lag also in der Nutzung der Rotordrehung.
Durch die synchrone Anordnung der Antennen war man nun in der Lage, dahin
zu schauen, wo man beim Fliegen in der Regel hinguckt: nach vorne! Ein
weiterer Vorteil von HeliRadar: Die "Blickrichtung" des "SAR"-Systems
kann vom Piloten frei gewählt werden, im Hubschrauberbetrieb eine
sehr nützliche Eigenschaft.
Optionale Bestandteile des Systems können digitale Karten sein, die
selektiv abgerufen werden können. Straßenkarten und kleine,
mobile Bodensender in Fahrzeugen von Polizei und Rettungsdiensten in Verbindung
mit GPS können das System sinnvoll ergänzen.
Die Einblendung weiterer Flugführungsinformationen wie künstlicher
Horizont, Entfernungslinien, die farbige Markierung vorhandener Hindernisse
und anderer Informationen ist vorgesehen und kann Kundenwünschen
angepaßt werden. Ebenso ist die Bilddarstellung auf einem Helmdisplay
oder einem Headup-Display möglich.
Das HeliRadar kommt im Grunde ohne diese Hilfen aus. Das muß man
sich immer wieder vor Augen halten, denn, folgt man der Argumentation,
dann fliegt man mit HeliRadar nach Sicht. Doch auch bei bestem Wetter
geben moderne Navigationssysteme mehr Sicherheit und helfen gleichzeitig,
sich auf wesentliche Dinge zu konzentrieren.
Es ist aber nicht nur die Möglichkeit die fasziniert, den Hubschrauber
nun auch bei schlechtesten Sichtbedingungen einzusetzen zu können,
sondern auch die Gewißheit, daß durch frühzeitige Hinderniserkennung
Unfälle reduziert werden können. HeliRadar kann einen zentimeterdicken
Draht in 2,2 km Entfernung ausmachen!
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Technische Daten
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- Die Leistungsfähigkeit von HeliRadar ergibt sich aus der derzeit
aktuellen, seit 1994 unveränderten Systemauslegung und einer Range-Auflösung
von 1.5 m. Auf Kosten der Range-Auflösung kann die Reichweite des
Systems mit einfachen Mitteln (Bandbreitenumschaltung) noch weiter erhöht
werden.
- Bilddarstellung mit 70° x 40°
- Bildauflösung in Azimuth 0.2°, in Range 1.5 m (ggf. in Elevation
bis zu 2.5°)
- Implizite Hinderniswarnung
- Blickrichtung über 360° wählbar
- Drahterkennung, Durchmesser 10 mm, bei Nebel bis 2,2 km Entfernung,
in schwerem Niederschlag bis 1,3 km.
- Winkelauflösung unter 0,2°, das ist eine Unterscheidungsgenauigkeit
von etwa einem Meter in einer Entfernung von 300 m.
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Militärischer Einsatz
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Grundsätzlich muß man im fliegerischen Einsatz über gegnerischem
Gelände mit eigenen Quellen, die Energie abstrahlen, sehr restriktiv
und selektiv umgehen. Am besten gar nicht "strahlen". Jeder
Sender, der erkannt wird, ist auch gleichzeitig ein Ziel. Aufwendige technische
Verfahren wurden in der Elektronischen Kampfführung (EloKa) konzipiert,
um diese Risiken zu minimieren.
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Die Reichweite und Entdeckbarkeit von HeliRadar ist abhängig
von der Art des Ziels und den vorherrschenden Wetterbedingungen.
Die im Vergleich zur eigenen Punktzielerkennung sehr geringe Entdeckbarkeit
beruht auf der Nutzung des "SAR"-Prinzips, wobei im Gegensatz
zu konventionellen Radarsystemen nur eine verhältnismäßig
kleine Sendeleistung in einen großen Raumwinkelbereich abgestrahlt
wird.
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Während das abgestrahlte Signal in der angegebenen Entdeckbarkeitsentfernung
im thermischen Rauschen verschwindet, können vom HeliRadar durch
den Einsatz des Echtzeit-Prozessors noch Echos weit unterhalb der Rauschgrenze
zur Informationsgewinnung genutzt werden. Dieses spezielle Verfahren,
so sagen die Entwickler, führe letztlich dazu, daß HeliRadar-Systeme
noch deutlich schwerer entdeckbar sein werden als Lasar-Radar-Systeme
und sogar Infrarot-Geräte.
Aus etwa 1.000 "Momentaufnahmen", die innerhalb von 40 Millisekunden
erfolgen, gewinnt HeliRadar seine Informationen und das nicht nur im allernächsten
Umfeld, sondern auch in Entfernungen, die für eine Zielansprache
und Bekämpfung geeignet sind.
Bei Nebel erkennt das System Fahrzeuge und Anlagen bis zu 9,2 km Entfernung.
Die Entdeckbarkeit der Radarsignale, so die Entwickler, ist aber nur bis
zu einer Entfernung von 4,7 km möglich. Bei dieser theoretischen
Entdeckbarkeits-Wahrscheaneefall oder schwerem Regen.
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