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In der gesamten professionellen Fliegerei werden die Themen Crew-Resource-Management (CRM) und Crew-Coordination-Concept (CCC) im Cockpit derzeit intensiv diskutiert. Alle renommierten Fluggesellschaften arbeiten an entsprechenden Programmen zur Minimierung erkannter Probleme am Arbeitsplatz Cockpit, weil der unmittelbare Zusammenhang mit der Gefahr von Flugunfällen erkannt wurde. Crew-Coordination im Luftfahrzeug-Cockpit stellt ein äußerst komplexes Thema dar, das im folgenden Artikel nicht vollständig beleuchtet werden kann.

Spannungsfeld Cockpit

Crew Coordination

von Heinz-Dieter Meier

 

Zu 90% menschliches Versagen

Mit einem Anteil von 10% trat in den zurückliegenden 15 Jahren nur ein geringer Teil der Flugunfälle infolge eines technischen Versagens ein. Die daraus abzulesende hohe Ausfallsicherheit der Luftfahrzeuge ist angesichts des heutigen Verhältnisses von 1:10 Millionen selbst mit hohem technischen Aufwand nicht mehr signifikant zu steigern. Technologische Verbesserungen mittels computergestützter Überwachungs- und Steuerungssysteme führen mit dem Einsatz dieser Technologien in Verkehrsflugzeugen im Moment eher zum Gegenteil. Die Unfallhäufigkeit steigt wieder an.

Blick aus dem Cockpit einer Sea King

Der visuelle Daten-Aufnahmekanal des Menschen als Hauptschnittstelle des Systems Mensch-Maschine ist mit 16 bit/s nunmal begrenzt. Luftfahrzeug-Besatzungen können dem momentanen Anschein nach die Fülle der vom Computer angebotenen Signale nicht mehr optimal ausnutzen und scheinen die Fähigkeit zu verlieren, unvorhergesehene Probleme mit der nur vom menschlichen Gehirn zu leistenden Kreativität zu bewältigen.
Insgesamt betrachtet tritt der größte Teil der Unfälle demnach infolge sogenannten "menschlichen Versagens" ein. Dabei handelt es sich nur in wenigen Fällen um einen kapitalen Fehler in Form einer falschen Steuereingabe oder einer grob fahrlässigen Fehlentscheidung. Vielmehr führt die unglückliche Verkettung mehrerer physiologischer und psychologischer Schwächen der beteiligten Besatzungsmitglieder zum tragischen Ergebnis.
Frank Bird hat in einer Untersuchung aufgezeigt, daß sich pro 1 Toten durch Flugunfall 10 Menschen bei Flugunfällen verletzt haben, 30 Zwischenfälle mit Sachschäden endeten und 600 Fehler in der Luftfahrzeugführung ohne Folgen aufgetreten sind. Jeder dieser 600 Flugfehler pro Flugunfall-Toten hätte potentiell einen Flugunfall mit Todesfolge auslösen können. Nach einer Studie des US National Transportation Safety-Boards (NTSB) ereigneten sich 11 von 15 untersuchten Flugunfällen während des ersten gemeinsamen Arbeitstages von Kapitän und Copilot. In weiteren 37 untersuchten Flugunfällen ermittelte das NTSB unterlassene gegenseitige Kontrolle der Cockpit-Crew als Unfallursache. Die daraus ableitbare Vermutung, daß die Kommunikation und die Zusammenarbeit in Cockpits unzureichend zu sein scheinen, läßt sich in umfangreichen Flugunfall-Beschreibungen einer weiteren Studie der US-Heeresflieger nachvollziehen.

 

"Blinde Zonen"

Damit stellt sich zwangsläufig die Frage, welche Aspekte die Kommunikation und Zusammenarbeit so sehr beeinträchtigen. Die Bedienung der Flugsysteme ist insgesamt komplexer geworden. Das Problem beginnt bereits bei der Wahrnehmung durch den Einzelnen. Die Ergonomie des Arbeitsplatzes - Cockpit - bedingt, daß zwei Besatzungsmitglieder bei gleicher Blickrichtung im Regelfall nicht dasselbe Bild aufnehmen und schon dadurch zu unterschiedlichen Beurteilungen der Flugsituation kommen können. Selbst wenn exakt dasselbe Bild auf der Netzhaut zweier Besatzungsmitglieder auftrifft, so muß es nicht zur gleichen Wahrnehmung d.h. Interpretation des Bildes kommen. Lebenseinstellung, Alter und Lebenserfahrungen prägen die Auswertung des Gesehenen. Bei der Betrachtung einfach strukturierter, sogenannter Kippbilder durch mehrere Menschen zeigt sich, daß beim Anschauen desselben Gegenstandes zwei völlig gegensetzliche Interpretationen enstehen können. Wen wundert es dann, wenn Besatzungsmitglieder zu unterschiedlichen Interpretationen von Anzeigen oder Flugzuständen kommen.
Die Verarbeitungsgeschwindigkeit des zentralen Nervensystems des Menschen setzt eine weitere Einschränkung. Von der ersten Wahrnehmung auf der Netzhaut bis zur Reaktion des Luftfahrzeuges nach entsprechenden Inputs des Piloten vergeht eine Zeitspanne von ca. 5,4 .sec. Daraus resultiert in Abhängigkeit von der Geschwindigkeit eine "blinde Zone" vor dem Luftfahrzeug, in die der Luftfahrzeugführer ohne Reaktionschance hineinfliegt. Fliegen also ein Hubschrauber mit 130 kts und ein Kampfjet mit 350 Kts auf Gegenkurs aufeinander zu, ergibt sich aus der Faustformel (Fahrt in Kts : 2 = blinde Zone in Metern), daß zumindest ein Luftfahrzeugführer für eine erfolgversprechende Ausweichbewegung das entgegenkommende Luftfahrzeug in diesem Fall spätestens 250-300 m zuvor wahrnehmen muß.

 

Stille Post

Die Ursachen für Beeinträchtigungen der Kommunikation sind noch vielschichtiger. Denken Sie an das Spiel mit der "stillen Post", bei dem am Ende der Kette selten das ankommt, was zu Beginn gesagt wurde. Die meisten unter Ihnen dürften auch das scherzhafte Beispiel des Obristen kennen, der seinen Truppen die nur alle 70 Jahre auftretene Erscheinung des Halleyschen Kometen erläutern will und dessen dazu mündlich ergangener Befehl, nachdem er beim letzten Soldaten angekommen ist, das Erscheinen des 75-jährigen General Halley" ankündigt, "der mit Herrn Oberst dessen Kometen durch das Kasernenkino führen wird".
Desweiteren können Informationsverluste schon durch unterschiedliche Sprach-Codes auftreten.Selbst innerhalb der gleichen Sprache tritt dieses Decodierproblem auf. Oder wußten Sie, daß in der ehemaligen "DDR" unter einer "Jahresend-Flügelpuppe" das verstanden wurde, was hier im Westen als Engel an den Weihnachtsbaum gehängt wird.
Als weitere Störfaktoren der Kommunikation können noch Mißverständnisse im Decodiervorgang auftreten oder schlichte Zahlendreher ganz erhebliche Konsequenzen zur Folge haben.
Leider wird zu oft davon ausgegangen, das es sich bei der Kommunikation im Cockpit um einen Austausch rein sachlicher Nachrichten handele. Schulz von Thun verdeutlicht in seinem Vier-Seiten-Modell einer Nachricht sehr deutlich, was bei jeder Nachricht mitgesandt bzw. vom Empfänger ausgewertet wird. Betrachten wir dieses Modell am Beispiel des Ehemannes, der als Beifahrer seiner Gattin, die trotz grüner Ampel nicht losfährt, anmerkt: "Die Ampel ist grün!" Je nach Betonung und Beziehung zwischen den beiden Eheleuten könnte dieser Satz möglicherweise die Geringschätzung des Ehemannes hinsichtlich der Fahrqualitäten seiner Ehefrau ausdrücken. Der Beifahrer könnte aber auch den Appell abgesandt haben, nun endlich loszufahren. Weniger konfliktträchtig wäre sicherlich der Hinweis: "Genau an dieser Ampel habe ich gestern das Umschalten auf grün auch nicht bemerkt!" als ein Stück Selbstoffenbarung gewesen.

 

Kooperative Grundhaltung

Jedem Menschen sollte immer bewußt sein, daß er nicht nicht kommunizieren kann. Blicke, Körperhaltung oder Handbewegungen - die sogenannte nonverbale Kommunikation - können sehr ausdrucksvoll sein aber auch leicht mißverstanden werden.
Der dritte, sehr wesentliche Faktor für Crewarbeitdefizite kann sich aus der Einstellung des verantwortlichen Luftfahrzeugführers (PIC) zu anderen mitarbeitenden Besatzungsmitgliedern und seiner Auffassung über deren Fähigkeiten sowie aus seinem Führungsstil ergeben.
Die hohe technische Kompetenz und das Durchsetzungsvermögen sowie der Individualismus der in Single-Pilot-Strukturen ausgebildeten Piloten behindern oft die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Die Vorstellung von alleiniger Verantwortlichkeit als PIC reduziert häufig die Kritiktoleranz der Piloten. Das Verhalten des PIC beeinflußt jedoch entscheidend, ob sich andere Besatzungsmitglieder trauen, dessen und eigene Fehler anzusprechen, um sie rechtzeitig beseitigen zu können bzw. daraus für künftige Fälle zu lernen.
Das Führungsverhalten des PIC wirkt sich unmittelbar auf die Güte der Zusammenarbeit im Luftfahrzeug und auf die Nutzbarkeit aller vorhandenen Resourcen aus. Eine kooperative Grundhaltung könnte häufig erhebliche zusätzliche Resourcen freisetzen. Zu geringer Führungwillen des PIC kann jedoch genauso schädlich sein wie zu enge Anbindung der anderen Besatzungsmitglieder.

 

Widerspruch im Cockpit?

Der deutsche Heeresverbindungsstab beim US Army Aviation Center in Fort Rucker meldete im April 1994 dem Heeresamt in Köln in einer Bewertung eines Crew-Coordination Training Programmes der US-Army, daß in der Auswahl der Pilotenanwärter bereits ein Grundproblem hinsichtlich späterer Crew-Coordination im Luftfahrzeug verankert sei. Nach dieser Untersuchung sei das Anforderungsprofil der Pilotenanwärter der US-Army darauf ausgerichtet, hierarchie-gläubige, unbedingt gehorsame, anpassungswillige Bewerber auszuwählen. Dagegen würden Fluggesellschaften teamorientierte, widerspruchsbereite und bei Erfordernis zu Ungehorsam fähige Bewerber einstellen.
Im Prinzip besteht das Problem der US-Army bei allen hierarchisch strukturierten Organisationen. Beim Bundesgrenzschutz ist man bemüht, durch die konsequente Anwendung des Auftragsprinzipes mögliche Negativwirkungen der Hierarchieorientierung abzuschwächen.

 
 

Der Lösungsansatz der Grenzschutz Fliegergruppe

Mustervielfalt

Die Erarbeitung eines Crew-Resource-Managment (CRM) Programmes wurde beim Bundesgrenzschutz (BGS) zunächst zurückgestellt. Als Voraussetzung für ein solches Programm wurde ein Crew-Coordination-Concept (CCC), das sich zumindest in Teilbereichen des Flugbetriebes bewährt haben sollte, angesehen.
Infolge der Vielfalt der Hubschraubermuster im BGS von der SA 318C über BO 105 und Bell UH-1D / Bell 212 zur SA 300 / AS 332L1 sowie der Wahrnehmung sehr unterschiedlicher Aufgaben über Land, in den Bergen und über See ist die Festlegung einer Standard-Crew für alle denkbaren Einsätze nicht möglich. Zum Teil müssen dieselben Piloten als Single-Pilot mit Bordwart oder mit einem zweiten IFR-Piloten fliegen. Ihre Aufgaben im Cockpit wechseln mit dem Muster und der jeweiligen Mission.
Ein für den BGS zu entwickelndes Konzept mußte die Spanne vom Einzelpiloten im Luftrettungsdienst bis zum Zwei-Mann-Cockpit im IFR-Flugbetrieb sowie die anderen betrieblichen Sonderverfahren wie Wechselverfahren VFR-IFR-VFR und den Flugbetrieb mit Restlichtverstärker-Brillen (BiV) berücksichtigen und einschließen.
Diese Bedingungen verstärkten im BGS-Flugdienst die Notwendigkeit, die Crew-Arbeit durch Standardisierung von operationellen Verfahren, der Arbeitsabläufe im Cockpit und der Kommunikation mit dem Ziel zu verbessern, menschliches Versagen zu minimieren.

 

Arbeitsgruppe gebildet

Zur Erarbeitung eines CCC-Entwurfes stellte der Kommandeur der Grenzschutz-Fliegergruppe 1993 eine Arbeitsgruppe (AG-CCC) aus allen Funktionsgruppen des Flugdienstes zusammen (Piloten, Bordwarte, Fluglehrer, Prüfer für Luftfahrtgerät).
Diese AG-CCC analysierte zunächst die Tätigkeiten der Besatzungsmitglieder in den verschiedenen Missionen und auf den unterschiedlichen Mustern. Daraus ergaben sich Aufgabenbereichs-Zuweisungen für die jeweils benötigten Besatzungsmitglieder, die zu mehreren Besatzungskonfigurationen zusammengestellt wurden.
Auf der Basis dieser Aufgabenzuweisungen erarbeitete die AG Grundsätze für den Ablauf der Cockpit-Arbeit als Standard-Operation-Procedures (SOP). Diese SOP's beinhalten Beschreibungen sämtlicher Communication-Rules inclusive vorgeschriebener Call-Outs und der Briefing-Strukturen. Die Kommunikationsregeln basieren auf dem sogenannten Marineprinzip als "Two-Way-Communication".

 

Identische Checklisten

Der nächste Schritt befaßte sich mit den Checklisten. Viele Checklisten im Hubschrauberbereich sind wie Gebrauchsanweisungen gestaltet. Nahezu zu jedem Punkt findet man eine Warnung oder einen Hinweis auf Betriebsgrenzen. In der Praxis des BGS-Flugdienstes wurden diese Listen nur in der Schulung und beim Checkflug verwandt. Im Einsatzflugbetrieb operieren die Piloten angesichts solcher unhandlicher Listen ihre Hubschrauber - so gut sie können - "by heart". Leider ist unser Gedächtnis nicht vollkommen und produziert infolgedessen bei dieser Verfahrenweise Lücken im Kontrollsystem.
Beim Erstellen einer Checkliste befindet man sich auf einem schmalen Grad zwischen einem "Zuviel", indem man Dinge regelt, die zum "good airmanship" gehören, und einem "Zuwenig", das nicht alle sicherheitskritischen Checkpunkte angemessen beleuchtet.
Bei der Änderung der Checklisten-Philosophie galt als oberster Grundsatz, daß der Aufbau der Checklisten über alle Muster identisch sein müsse. Die Berücksichtigung des größten Musters AS-332L1 ergab eine Master-Checklist, die auf das jeweilige Muster reduziert wurde. Da der Luft-Rettungsdienst mit BO-105 als Single-Pilot-Flugbetrieb ausgelegt ist, wurden die Checklisten so ausgestaltet, daß sie auch innerhalb eines Limited-CCC zur Selbstkontrolle verwendet werden können.
Die alten (Betriebsanleitungs-)Checklisten werden derzeit zu Aircraft-Operation-Manuals (AOM) umgearbeitet. Das Format berücksichtigt die Verwendungsmöglichkeit innerhalb der Schulung im Hubschrauber. Mit dieser Trennung von AOM'S und Checklisten soll sowohl den Anforderungen der Ausbildung als auch des Einsatzflugbetriebes Rechnung getragen werden.

 

Blick in die Zukunft

Der CCC-Entwurf wird zunächst im IFR-Flugbetrieb mit mittleren Transporthubschraubern auf seine Praktikabilität erprobt. Nach Bewährung erfolgt die Vorlage zur Genehmigung durch das Luftfahrtbundesamt. Im Anschluß wird es auf den gesamten Flugdienst erweitert.
Eine Veröffentlichung der vorläufigen CCC-Richtlinie ist wegen der noch laufenden Erprobung zur Zeit nicht vorgesehen. Nach erfolgreicher Einführung des CCC dürfte der nächste Schritt in der Erarbeitung eines Crew-Resource-Managment (CRM) - Seminars für das Flugdienstpersonal des Bundesgrenzschutz liegen.
Ich glaube, daß angesichts der aufgezeigten Probleme ein schwieriger Weg vor uns liegt. Auch der BGS wird das "Ei des Columbus" im Problembereich der Crewarbeit nicht finden. Aber wir hoffen, im Kampf gegen das menschliche Versagen ein gehöriges Stück voranzukommen.

 

aus 1/96 & 2/96

 

Last updated 2002-08-04 , webmaster

 
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